Engelwirt in Berching – wo Kunst zu Hause ist.

Tina Artz vor dem Eingang zum Hotel Engelwirt in Berching

Ich habe schon viel Kunst in Hotels gesehen. Vieles war nicht mehr als einen flüchtigen Blick wert. Nicht so im Boutique-Apartmenthotel Engelwirt in Berching. Hier hat das Wort „Kunsthotel“ jeden einzelnen Buchstaben verdient.

Schon beim Ankommen ziehe ich – noch mit Koffer in der Hand – an Bildern und Skulpturen vorbei, staune und verweile. Der Engelwirt ist ein Ort, an dem Kunst lebt, statt einfach nur rumzuhängen. Raum für Raum, Flur für Flur. Lauter Originale aus der Privatsammlung, wie ich später erfahre. Das habe ich so noch nie gesehen. Auch nicht die wunderbar unprätentiöse Gastfreundschaft von Stephanie und Michael Zink, meine Gastgeber im Engelwirt. Es ist Juni, es ist warm, wir sitzen im romantisch-modernen Innenhof mit saftigen Grünpflanzen. Ich komme an und lasse sein, das Hin-und Herrücken von Gedanken, lasse die Welt da draußen rauschen und stressen und fühle sofort weniger Tempo in mir.

Der Engelwirt steht mitten in der 9000-Einwohner-Gemeinde Berching im lieblichen Altmühltal, zwischen Nürnberg und München. Und dass es diese kunstsinnige Komfortzone hier überhaupt gibt, hat mit der Liebe zur Natur von Galerist Michael Zink & Familie zu tun: Er ist weltweit als Kunstsammler unterwegs und nach Stationen in Berlin, New York, München verlegte er die „Galerie Zink“ kurzerhand in die Provinz. In den Mini-Ort Waldkirchen: Aus einem ehemaligen Pfarrhof – mit Garten fast bis zum Horizont – wurde Wohnhaus mit spektakulär umgebauter Galerie-Scheune und von Stund an eine zeitgenössische Pilgerstätte für Kunstfans.

2020 entdeckte Stephanie Zink dann eine Anzeige im Internet über das Probstanwesen in der Kleinstadt Berching. Das ist sozusagen um die Ecke von Waldkirchen und „war für uns Liebe auf den 1. Blick“, erzählt sie über ihr erstes Kennenlernen des denkmalgeschützen Gebäudekomplex von 1686. Vier alte Häuser direkt an der Stadtmauer gelegen – allesamt komplett renovierungsbedürftig.

Design & Vintage im Justizia Apartment im Altbau vom Engelwirt

Wo andere nix sehen & fühlen, vertrauten die Zinks ihrer inneren Stimme, ihrem Händchen für Architektur und ihrer Liebe zu einem intuitiven Stilmix aus Designklassikern und Vintage von Flohmärkten. Für die professionelle Planung und Umsetzung des Umbaus kam das Schweizer Architekten-Atelier Dimanche von Tamara Henry und Mathieu Robitaille ins Boot.

Stuckdecken, bemalte Holzböden und einfarbige Kelims – zum Staunen schön

„Wir haben oft Künstler aus dem Ausland zu Gast und hatten Erfahrung mit der Vermietung von zwei Ferienwohnungen über Airbnb“, fasst Stephanie die unbekümmerte Ausgangs-Lage von damals zusammen. „Ach ja und Corona war auch noch“, ergänzt sie lachend. Vielleicht ist es das, denke ich, sich einfach (ver-)trauen – den eigenen Fähigkeiten, den Umständen, dem Leben. Trotz allem und auch wenn es riskant ist!

2024 eröffnete das Boutique Apartmenthaus Engelwirt seine Pforten, mit einem lichtdurchfluteten Farbkonzept in Rot, Orange und Blau und einem wunderschönen Innenhof, in dem man den Tag verstreichen lassen kann. Im Hauptgebäude befindet sich ein Café, ein (Frühstücks-) Salon sowie ein Lädchen mit feinen Sachen, das man übrigens direkt beim Einchecken kennenlernt. Im Engelwirt gibt es ein tägliches Frühstücksangebot und wechselndes Kuchenangebot im Café – zum Niederknien gut.

Malerisch: Zum Picknick im Garten meiner Gastgeber, Stephanie & Michael Zink

In den unterschiedlich großen Wohneinheiten sowie Doppelzimmern, entdeckt man wunderbar restaurierte Stuckdecken, Rosenspitz- und bemalte Holzböden. Kunst lockt in allen Zimmern und öffentlichen Räumen. Alles ist eingerichtet mit dem eklektischen Mix aus Alt & modernes Design. Interieur-Liebe, die die Zinks locker aus dem Ärmel schütteln: „Es ist Hobby und Leidenschaft zugleich. Ich sehe einen alten Sessel, Spiegel, Kommode und kann ihn mir im neuen Gewand vorstellen“, erzählt Stephanie Zink. Funktioniert zum Staunen schön – nahezu alles und jedes, worauf im Engelwirt mein Blick ruht, löst in mir den Haben-Will-Reflex aus.

Entdeckt ihr den schwarz-weißen Sessel? Mein Liebling, atemberaubend schön aufgepolstert. Er stand mal auf einem belgischen Vintage-Markt für 30 Euro zum Verkauf. Ich hätte darin wahrscheinlich nichts gesehen, Stephanie alles und ihn vom Fleck weg gekauft – schon mit Polster-Konzept im Kopf. Jetzt steht er hinten im 1. Stock im Flur, vis-a-vis vom Justizia Apartment – betörend schön im feinen Paisley-Gewand. Ich muss an unseren alten Ausbrenner-Samt-Sessel zu Hause denken, den wir schon seit Jahren neu beziehen wollen. Paisley – eine coole Alternative.

Der Engelwirt ist ein Sweet Escape mit viel Kunst, einer stimmigen Atmosphäre in historischen, wie modernen Räumen. Im Justizia Apartment wirken „Antibodi“-Stühle von Designerin Patricia Urquiola, ein alter Hochzeitsschrank und die „Eos“-Federlampen von Umage, dazu wunderschöne einfarbige Kelims, die Stephanie & Michael einmal aus einer Versteigerung heraus gekauft haben. „Zu schön und wir wussten, dass sie eines Tages irgendwo gut passen würden“, Stephanie schaut auf das lichte Blau des Teppichs. Ich weiß es genau, ich hätte nix gespürt und nix geahnt. Aber bei meinem Rundgang durch den Engelwirt gehen neue Türen zu Ästhetik in meinem Kopf auf. Geschmack, Vorstellung & Ideen werden gefüttert und nehmen Formen an – einfach durchs Hinschauen und Verweilen z. B. vor Designklassikern von Wegener, Prouvé oder Eames. Bildern & Skulpturen von ausgewählten jungen Wilden und internationalen Künstlern wie Michael Sailstorfer, Matías Manuel Sánchez, Jana Gunstheimer oder Paul Kooiker.

Wenn die Zeit ganz langsam fließt und du verzückt auf Mobiliar & Küchenzeile guckst – dann bist du garantiert im Engelwirt gelandet

Ich wohne im Neubau im Hinterhaus, im „Großen Gartenapartment“ über zwei Ebenen. Mit komplett eingerichteter Küche im Wohn-Essbereich. Morgens sitze ich mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa und schaue auf ein zwei Meter großes Original von Anna Leonhardt: Zylinder, die auf mich wie  Fenster wirken, sich dreidimensional öffnen, in mitten einer sanft-farbigen Tiefe. Das macht etwas mit mir. Ich kann nicht genau sagen, was. Vielleicht ist es einfach nur Schönheit. Vielleicht Ruhe. Vielleicht das Gefühl, dass Kunst tatsächlich unseren Blick auf die Welt verändern kann.

Als ich abreise nach vier Tagen in diesem strahlenden Haus, inmitten des friedlichen Altmühltals, nehme ich kein neues Möbelstück mit. Keine Lampe. Keinen Teppich. Sondern etwas viel Wertvolleres. Die Lust, wieder genauer hinzusehen. Nicht alles sofort in wichtig und unwichtig zu unterteilen. Sondern die Dinge einfach auf sich wirken zu lassen. Vielleicht beginnt genau so Zufriedenheit.

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